Interview: Marie Aigner

Marie Aigner
Dipl.-Ing. Architektur, München

Architektur, Innenarchitektur, Möbeldesign und Produktentwicklung – das ist extrem vielseitig. 
Wie kam es dazu?

Das klingt vielleicht vielseitig, im Kern ist es das aber nicht: Mein Interesse liegt an der Gestaltung von Dingen. Ich habe auch schon Entwürfe für Gärten gemacht – natürlich nicht mit dem Wissen eines Botanikers, sondern mit der Vorgehensweise eines Ingenieurs oder Gestalters. Mich interessiert die Geometrie;  ich setze Akzente, erzeuge Spannung oder Gleichgewicht. Das Studium der Architektur bietet eine perfekte Grundlage, um später in vielen gestalterischen Bereichen tätig zu sein. Ein Möbel ist schließlich auch ein Detail eines Hauses. Bei dem Entwurf eines Produkts geht es zunächst um Funktionalität. Dasselbe gilt auch bei dem Entwurf eines Gebäudes. Ich halte es für sinnvoll mit der Gestaltung und der Realisierung dieser kleinen Dinge – der Produkte, Möbel und Details – zu beginnen. Für mich gehören alle Einzelaspekte als Einheit zusammen und bilden erst in ihrer Gesamtheit die Architektur.

Was ist Ihre Leidenschaft im Entwurf?

Jede Aufgabe muss aus verschiedenen Sichtweisen betrachtet werden, um zu einer ganzheitlichen Lösung zu kommen. Ich versuche zwischen den Perspektiven als Gestalter und als Nutzer zu wechseln und genau auf die Bedürfnisse zu reagieren. Abhängig von der Aufgabe kommen immer neue Herausforderungen hinzu. Beim Bauen im Bestand sind beispielsweise der Umgang mit dem Vorhandenen und die Addition von Neuem relevant. Es geht darum, die bestehenden Ressourcen sinnvoll zu verwenden. Bei anderen Projekten ist es wichtig, innovative und intelligente Materialien einzusetzen oder die Mittel der Technik und das Know-how zu nutzen, um Energie- und Ressourcen zu sparen. Mir ist es immer wichtig, die Dinge zu verbessern und weiterzuentwickeln. Dazu gehören auch der Mut und die Neugierde etwas Neues auszuprobieren und aus seinem gewohnten Umfeld auszubrechen.

Sind Sie so auch zum Thema „Akustik“ gekommen?

Den ersten bewussten Kontakt mit der Akustikplanung hatte ich im Jahr 2006 mit dem Bau des pinta acoustic Werks in Maisach. Dadurch hatte ich erstmals die Gelegenheit und auch den Bedarf mich tiefgreifend mit akustischen Produkten und mit deren Gestaltung auseinanderzusetzen. Davor hatte ich zwar schallabsorbierende Produkte bei meinen Projekten eingesetzt, jedoch nur unter rein funktionellen Aspekten. In den Folgejahren bin ich nun immer wieder auf akustische Probleme im Raum gestoßen und konnte keine für mich passenden Lösungen finden. Im Gespräch mit Kollegen habe ich bemerkt, dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin. Die Aufmerksamkeit im Markt und bei Architekten für die Gestaltung von Akustik hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Es fehlten bislang jedoch die passenden Produkte. Ich war auf der Suche nach gut gestalteten Systemen, die sich nicht nur oberflächlich dem Thema der Akustik widmen, sondern eine tatsächlich fundierte Technologie als Grundlage haben. Bei meiner zweiten Anfrage fand ich schließlich im Jahr 2013 bei der Geschäftsleitung von pinta acoustic Gehör und wurde zusammen mit einem Materialexperten für eine erste Recherche beauftragt. Und auch hier ist mein Antrieb, die Dinge zu verbessern: Das Ziel für und mit pinta acoustic ist es, mit den neuen Produkten das Vorhandene in technischer und gestalterischer Hinsicht weiterzuentwickeln.

Welches neue Potenzial bieten die von Ihnen entworfenen „Designed Acoustic“ Elemente nun für Architekten?

Architekten sollen durch meine Entwürfe lediglich Anreize erhalten. In der Gestaltung der Akustik liegt viel bislang noch ungenutztes Potenzial. Bisher hatte man bei Akustiksystemen die Möglichkeit aus verschiedenen Wand- und Deckensystemen auszuwählen. Eine optische Bereicherung für den Raum stellten diese jedoch in den seltensten Fällen dar, Basis war stets eine technische Ausrichtung. Mit den „Designed Acoustic“ Prototypen wird nun gezeigt, dass es hier noch sehr viel mehr gestalterische Möglichkeiten gibt. pinta acoustic fertigt in einer Manufaktur individuelle Lösungen. Damit sollen nicht nur die technisch ausgerichteten Büros angesprochen werden, sondern auch die „kreativen“, die Entwurfs- und Wettbewerbsbüros. Durch die „Designed Acoustic“ Produkte werden innovative Lösungen gefunden, die technischen Vorgaben kreativ umzusetzen. Sofern akustisch sinnvoll und materialtechnisch machbar, wird pinta acoustic also jeden Entwurf realisieren, der vom Architekten vorgeschlagen wird.

Ihre bisherigen „Designed Acoustic“ Entwürfe sind eine Kombination aus Kunstobjekt und Raumskulptur. Was war Ihre Intention bei der Entwicklung?

Akustik sollte endlich auch sichtbar werden – ein gestalterisches Raumerlebnis. Durch den optischen Mehrwert, den die Prototypen mit sich bringen wird der akustische Effekt für den Nutzer sichtbar gemacht. Dadurch wird ein Bewusstsein für Akustikgestaltung erzeugt und deren Notwendigkeit vermittelt. Die Produkte setzen als freistehende Skulpturen, als hängende Deckenelemente oder als Wandobjekte gestalterische Akzente und eignen sich beispielsweise für öffentliche Gebäude, für Museen oder Galerieräumen, für Handelsbauten und Büroräume aber auch für den Einsatz im privaten Bereich.

Welche Rolle spielt für Sie das Material?

Material muss immer zeitgemäß sein. Für mich bedeutet dies, mit ehrlichen und reinen Materialien zu arbeiten. Ein modernes und zukunftsorientiertes Material muss wiederverwertbar und recyclebar sein, es muss ökologisch und sozial korrekt in der Herstellung sein. Das in dieser Art und Weise zur Verfügung gestellte Material gibt dann in seinen Eigenschaften und Möglichkeiten die Form und Funktionalität der neuen Produkte vor.

Was haben Sie als nächstes vor? Sind weitere ganzheitliche und Disziplinen übergreifende Projekte geplant?

Ich bleibe meinem Motto der Vielfalt treu und habe sehr unterschiedliche Projekte in Planung. Neben der Gestaltung eines großen Bürogebäudes arbeite ich beispielsweise an der architektonischen Entwicklung eines Franchisekonzepts in Frankreich. Weiterhin stehen verschiedene Beratungsmandate im Bereich Projektsteuerung und Brandschutz an. Und natürlich die Weiterentwicklung der Akustikprodukte – diese liegen mir nun am Herzen.

Marie Aigner
Dipl.-Ing. Architektur
aigner architecture, München